„Die Tatsache ist bekannt: Reisen bildet.“ (Braun, 1990, S. 119)

Die Frage, wie Kinder und Jugendliche in Deutschland gebildet werden, hat durch die Corona-Pandemie erneut Aufschwung erhalten. In den Medien ist das Thema der defizitären Digitalisierung an deutschen Schulen das vorherrschende Thema. Wer sucht, findet jedoch auch jene Beiträge, die sich mit der psychosozialen Gesundheit und der Frage nach der Persönlichkeitsbildung von Kindern- und Jugendlichen befassen.

Wie so oft in der deutschen Geschichte wird in den Medien die Schule auf eine Institution der reinen Wissensvermittlung reduziert. Die „Schäden“ der Pandemie an den Schüler:innen soll nun durch ein Milliarden schweres Paket an Nachhilfestunden repariert werden. Es scheint fast so, als wäre Deutschland zurück ins 1900 Jahrhundert zurückgefallen, in dem das Lernen von abfragbarem Wissen unter „Bildung“ verstanden wurde. Die Errungenschaft des letzten Jahrhunderts war es jedoch, Bildung weiter zu fassen. Selbst die politischen Institutionen fassen unter dem Begriff Bildung:

Bildung […] hat eine autonome Lebensführung in möglichst allen Lebensbereichen in einem konkret gegebenen gesellschaftlich-kulturellen Kontext zum Ziel. Dies umfasst die eigenständige Lebensführung mit Blick auf eine berufliche Existenz ebenso wie mit Blick auf Partnerschaft, eigene Kinder, aber auch mit Blick auf die soziale Teilhabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

[Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2004, S. 21]

Wenn unsere Schulen als Bildungsinstitutionen benannt werden, dann hat die Schule weiterhin einen Auftrag, welcher über das Vermitteln von Wissen hinaus geht, nämlich auch die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen zu formen. Dieser Aspekt geht in den momentanen Debatten über mangelnde Digitalisierung und eine nicht ausreichende Wissensvermittlung unter.

Klassenfahrten spielen in der Bildung von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle. Sie können Bildungserfahrungen verdichten und damit nachhaltiger machen. Es entstehen Bildungschancen, die zur nachhaltigen Wissensaneignung als auch zur Bildung und Reifung der Persönlichkeit wichtig und im Schulalltag so nicht abbildbar sind. Diese Bildungschancen ergeben sich auf Klassenfahrten aus der Möglichkeit etwas zu sehen, zu erkunden und zu erleben, was in der Schule und zuhause in dieser Form nicht erfahren werden kann. Diese Erfahrungen ergeben sich aus der emanzipatorischen Tendenz des Reisens. Diese emanzipatorische Tendenz meint, dass Schüler:innen auf Klassenfahrten in eine (Bildungs-) Umgebung kommen, welche unabhängig von ihrem gewohnten Alltag liegt.

Im Kontext von Klassenfahrten kommt dem „Erlebnis“ eine besondere Bedeutung zu, denn sie führe Schüler:innen als Gruppe in ungewöhnliche Erfahrungssituationen. Prof. Dr. Renate Freericks spricht in diesem Kontext von „Erlebnisorientierte Lernorten“. Sie sind „Teil einer neuen, postmodernen Lernkultur. Sie bieten Raum für selbstgesteuertes und stark emotional fundiertes Lernen und ergänzen die Lernmöglichkeiten in formalen Zusammenhängen von Schule“ [Freericks, 2006, S. 32]. Auch der Gehirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer ruft dazu auf, Lern- und Entwicklungschancen von Erlebnissen als wichtigen Faktor anzuerkennen [Vgl. Spitzer 2002]. In der Zeit der Corona-Pandemie fehlt es Schüler:innen an positiven Erlebnissen, an denen sie wachsen können. Klassenfahrten sind im Rahmen von Schule der beste Beitrag, diesen Mangel an Erlebnisse des letzten Jahres einem Stück entgegen zu wirken. Neben persönlichen Erlebnissen fehlt es Schüler:innen in der momentanen Situation an Gemeinschaftserlebnissen.

So wie unser Gehirn beschaffen ist, wird immer dann gelernt, wenn positive Erfahrungen gemacht werden. Dieser Mechanismus ist wesentlich für das Lernen der verschiedensten Dinge, wobei klar sein muss, dass für den Menschen die positive Erfahrung schlechthin in positiven Sozialkontakten besteht (…). Menschliches Lernen vollzieht sich immer schon in der Gemeinschaft und gemeinschaftliche Aktivitäten bzw. gemeinschaftliches Handeln ist wahrscheinlich der bedeutsamste ´Verstärker`.

[Spitzer, 2006, S. 181]

Eine Verdichtung von positiven Gemeinschaftserlebnissen bilden Klassenfahrten im Besonderen. Eine Gemeinschaft oder auch Team zu werden bedarf Zeit. Wichtig scheint dabei, dass der Prozess des „Zusammenfindens“ schnell vollzogen wird, um ins Lernen zu gelangen. Auch hier können Erlebnisse wie eine Klassenfahrt Hilfestellung geben, damit die Schüler:innen schnellstmöglich wieder als Klassen-Team zusammenfinden.

Verschiedenen Querschnittsstudien belegen, dass sich die Leistungsvarianz von Schüler:innen vor allem mit den individuellen Merkmalen der Schüler:innen erklären lässt. In weiteren Studien folgen schon auf Platz zwei die Merkmale der Klasse und des jeweiligen Lehrenden [Vgl. Hosenfeld u.a. 2001]. Jedoch konnten aktuelle amerikanische value-added Studien, welche die Leistungsergebnisse von Schüler:innen über mehrere Schuljahre varianzanalytisch untersuchen, zeigen, „dass die Klassenebene, d.h. Merkmale der Klasse, des Lehrers und des Unterrichts, eine größere Bedeutung eingeräumt werden muss als bislang auf der Basis der querschnittlichen Studien angenommen wurde“ [Lipowsky, 2006, S. 49]. Für den Lernerfolg lässt sich daher ableiten, „dass nicht nur allgemeine fachunabhängige Merkmale, wie eine effiziente Klassenführung, für die Lernentwicklung wichtig sind, sondern auch Merkmale, die auf eine vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand hindeuten“ [Lipowsky, 2006, S. 48]. Auch hier können Klassenfahrten an zwei Punkten nützlich sein. Lehrer:innen können auf Klassenfahrten ihre Schüler:innen als Gruppe zusammenführen und Unterrichtsinhalte anschaulich und durch Erlebnisse mit dem Lerngegenstand vertiefen.

Klassenfahrten bilden einen wichtigen Baustein zur Bildung von Kindern und Jugendlichen. Dafür konnten unterschiedliche wissenschaftliche Begründungen aufgezeigt werden. Sie leisten einen großen Beitrag zum Einüben wichtiger Schlüsselkompetenzen. Dies geschieht vor allem durch die Lern- und Entwicklungschancen, welche sich durch neue Erlebnisse abseits des gewohnten Alltages ergeben. Eine gute Kooperations- und Kommunikationsebene innerhalb einer Klasse ist für alle Schüler:innen ein wichtiger Baustein, um sich innerhalb der Klasse zu entwickeln und erfolgreich lernen zu können. Die Verdichtung von positiven Gemeinschaftserlebnissen für Klassen kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Klassen nach der Pandemie wieder möglichst schnell als Gruppe zusammenzuführen, um eine positive Arbeits- und Lernatmosphäre sicherzustellen. Es bleibt Aufgabe der Schule als Bildungsinstitution nicht nur die Wissensvermittlung im Blick zu behalten, sondern nach der Pandemie auch die Aufgabe der Persönlichkeitsbildung von Kindern- und Jugendlichen als genauso wichtige Aufgabe anzugehen. Dazu werden Klassenfahrten einen wichtigen und großen Beitrag leisten können.

Bildquelle

„Schulklasse auf Treppe“: Panke Sprachreisen GmbH

Literaturquellen

SPITZER, M. (2006): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg.

FREERICKS, R. (2006): Erlebnisorientierte Lernorte und ihre Potenziale für ein nachhaltiges Lernen. Lernen in Erlebniswelten, im Internet unter: https://www.die-bonn.de/zeitschrift/42006/freericks0601.pdf, S. 32-34, (Zugriff am 12.5.2021).

HOSENFELD, I./HELMKE, A./RIDDER, A./SCHRADER, F.-W. (2001): Eine mehrebenenanalytische Betrachtung von Schul- und Klasseneffekten. In: Empirische Pädagogik 15, S. 513–534.

LIPOWSKY, F. (2006): Auf den Lehrer kommt es an. Empirische Evidenzen für Zusammenhänge zwischen Lehrerkompetenzen, Lehrerhandeln und dem Lernen der Schüler. In: Allemann-Ghionda, C./ Terhart, E. (Hrsg.): Kompetenzen und Kompetenzentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern (Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 51) Weinheim, S. 47-70.

BRAUN, O. (1990): Den Horizont erweitern oder die Identität aufbauen? Psychologische Voraussetzungen des Lernens auf Reisen. In: STEINECKE Albrecht (Hrsg.): Lernen. Auf Reisen? Bildungs- und Lernchancen im Tourismus der 90er Jahre, Bielefeld, S. 119-136.

Autorin:
Dr. Jana Pieper

Dr. Jana Pieper ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dresden und freiberufliche Trainerin und Beraterin im (jugend-) touristischen Umfeld. In ihrer Dissertation konnte sie die Bedeutung von Kinder- und Jugendreise als nonformaler und informeller Bildungsort aufzeigen.

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